Malen mit Glas

 

 

Alles wiederholt sich stets im Leben, ewig jung ist nur die Phantasie.

 

F. v. Schiller

 

 

 

Hedwig Emmert befand sich auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens, als sie ihrem eigentlichen Metier, ihrer ureigenen Ausdruckssprache, der Malerei – so schien es – den Rücken kehrte und sich etwas ganz anderem, dem Erlernen des „Glasmachens“ verschrieb. „Glas macht süchtig“ sagt sie mit einer Begeisterung, die sie bei allen  Anstrengungen des Neuanfangs nie verließ und, gepaart mit einem unermüdlichen Willen erfolgreich zum Ziel führte.

 

An den besten Schulen Europas und Amerikas absolvierte sie Praktika, zuerst 1991/92 an der Pilchuck Glass School in Seattle und in Marion/Ohio, im modernen „Sandcasting“- Verfahren. Das Erlernen dieser wirkungsvollen, aber schwierigen Technik bringt Hedwig Emmert oft an die Grenzen ihrer physischen Möglichkeiten, bis zu 40 kg schwere Glasmassen müssen gehoben werden. Gearbeitet wird in Teamarbeit, eine wichtige neue Erfahrung für die Künstlerin: nicht nur selbst für ein Werk verantwortlich zu sein, sondern die Überzeugung eines Anderen mitzutragen.

 

Die Arbeit in verschiedenen Glas-Studios erweist sich für beide Seiten als sehr befruchtend. Geschätzt wird Hedwig Emmert für die vielen Ideen und Entwürfe, die sie als Malerin einbringt. In der Ausführung hilft ihr dann das ganze technische Wissen und die handwerkliche Erfahrung erstklassiger Glasmacher wie Jaromir Rybac, Andy Owen, Matthew Buchner  und Dirk Bürklin.

 

In der ersten, jungen, frechen und fröhlichen Produktionsserie scheinen aus der Künstlerin all ihre malerischen Qualitäten herauszubrechen. Erstmals verstehen wir ihre Intensionen, begreifen, dass sie sich mit den Arbeiten in einem neuen Werkstoff nicht von der Malerei abwendet, sondern sich geradezu neue Ausdrucksmöglichkeiten, neue Dimensionen erschließt. Im übrigen hat sie ja nie aufgehört auch zu malen.

 

Genießen wir die Vollkommenheit dieser Werke, denn sie, die Künstlerin, schafft sie so nicht wieder. Sie ist mit ihren  Gedanken schon viel weiter: Arbeiten aus Glas, kombiniert mit Keramik oder Bronze würden sie reizen, vor allem auch „Kunst am Bau“ mit Einsatz von Glas. Hier hat sie bereits ihre neuen Talente bewiesen. Das große Wandbild im Foyer des Rathauses von Efringen-Kirchen verbindet Malerei mit Glaskunst. Unter dem Thema „dynamisches Miteinander“ erzeugen vielfach sich überschneidende, ganz diverse Flächen, kunstvoll aufgehellt und leicht, außen transparentes Pastell, in der optischen Bildmitte sich mit starker Farbigkeit ballend, äußerste Spannung und Dynamik, eingebunden in eine stimmige Farbpalette von warmen Gelb-, Braun- und wenig Rottönen neben kaltem Blau und Weiß. Scharfkantige, farbige Glasplatten, knapp, aber in ihrer Häufung markant angewandt, geben der, bei aller Bewegtheit doch in sich ruhenden Mitte ein zusätzliches Gewicht. und dem ganzen Bild eine weitere Dimension, eine größere Tiefe.

 

Hier machen wir am Ende noch eine, für den künstlerischen Weg Hedwig Emmert’s wichtige Entdeckung: Nicht nur die Malerei bricht in Ihrer Glaskunst durch, auch das Gegenteil tritt ein, das „Glasmachen“ beeinflusst ihre neue Malweise.

 

 

Dr. Verena Alborino